Warum wir lieber festhalten als loslassen - und wie wir es doch schaffen

Du hast den Tag mit Bravur hinter dich gebracht, alles von der To-Do-Liste gestrichen, alles erledigt oder zumindest alles gegeben und nun?

Vielleicht hast du sogar die ein oder andere Yin-Yoga-Stunde besucht und dich krampfhaft im Loslassen geübt, im Nachgeben, im Weichwerden. Und es fiel dir verdammt schwer...? Nein? Dann brauchst du nicht weiterzulesen. Wenn doch, dann ist dieser Blog genau das Richtige für dich.

Aparigraha ist eine Stufe auf dem achtgliedrigen Yogapfad, der uns als letzte Stufe zur Erleuchtung bringen soll. Aparigraha bedeutet so viel wie "nicht horten, nicht anhaften". Damit sind Verhaltensmuster, Bewegungsmuster, Materielles, Personen und auch Gedanken gemeint.

Jetzt denkst du vielleicht als Yogalehrer ist man Loslass-Spezialist. Nun sagen wir mal so, ich kenne die Werkzeuge zum Ziel. Yin-Yoga, Meditation, Yoga Nidra etc. Aber das Werkzeug allein macht noch nicht den Handwerker. Auch ich zähle mich eher in die Kategorie Festhalter als Loslasser. Ich kann wunderbar anspannen bis in den kleinen Zeh, aber in Momenten, in denen ich loslassen könnte, klappt das leider oft nicht so, wie ich möchte. Bestes Beispiel ist mein wöchentlicher Besuch bei der Thaimassage. Die nette Masseurin schüttelt dann gerne ausgiebig Arm oder Bein, um mich zum Loslassen zu bewegen. Und ich bin immer ganz überrascht, weil ich denke, dass ich ja schon total locker bin. Aber warum halten wir so gerne fest?

Ich nenne hier nur mal einige wenige Motive.

  • Sicherheit: Ein Klassiker. Die meisten Menschen halten aus Angst und um der Sicherheit willen an etwas fest. Job, Partnerschaft, Freundschaft – wer weiß, ob man sonst etwas anderes oder „besser Passendes“ findet.
  • Aufgeben ist bitter: Egal, ob man einige (kreative) Träume aufgeben muss, die man nicht verwirklichen kann. Oder ob man ein Projekt aufgeben muss, in das man schon viel Zeit und Geld gesteckt hat.
  • Schwierigkeit, sich zu beschränken: Viele, die sich nicht entscheiden können, können in Wirklichkeit nicht auf etwas oder jemanden verzichten.
  • Gewohnheitsdenken und Angst vor Neuem: Man bleibt lieber in den alten, vertrauten, selbst schmerzhaften Bahnen, als sich in die Unsicherheit des Neuen zu begeben.
  • Nostalgie und Erinnerungen: Früher war es doch so schön – sollte man daran nicht wieder anknüpfen können? Doch dabei ignoriert man, dass alles sich verändert und gegebenenfalls in unterschiedliche Richtungen läuft.
  • Treue, Verantwortungsbewusstsein, Samaritertrieb, man will niemanden verletzen: An sich durchaus positive Eigenschaften. Doch wenn man sie übertreibt und gegen eigene Bedürfnisse richtet, gehen sie nach hinten los.
  • Liebe und Sympathie für den anderen: Am schwersten. Doch auch hier gilt: Wenn Bedürfnisse und Grenzen überschritten werden, sollte man handeln. Erst recht, wenn das Ganze zu viel kostet oder permanent Schmerz bereitet. Die erste Pflicht gilt einem selbst, nicht dem anderen.

Hast du dich wieder erkannt? Dann lohnt es sich genauer hinzusehen und in dich hineinzuhören. Nimm dir bewusst jeden Tag Zeit für deinen Loslassmoment. Meditation, Entspannungstechniken (z. B. progressive Muskelrelaxation), Yoga Nidra, Yoga usw. Tue bewusst Dinge, die dir gut tun und nur für dich sind. Mache dir bewusst, wie wichtig du bist, bevor du an andere denkst. Und letzten Endes der schwierigste Teil: miste dein Leben aus. Trenn dich von Dingen, die dich belasten oder die du schlichtweg nicht brauchst. Vielleicht fängst du am Kleiderschrank an, machst mit unliebsamen/ungesunden Gewohnheiten weiter und lernst nein zu sagen, zu Menschen, die dir nicht gut tun, zu Jobs, die dich auslaugen, zu Partnerschaften, die dich nicht glücklich machen.

Auch ich übe täglich. Und ich bin sicher, es klappt mit jedem Mal etwas besser, auch wenn der Weg lang ist. Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Thema?

Namasté

Katja

 

 

 

 

 

Katja DienerComment